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Thesen zu „Armut ist Diskriminierung!“

Klassistische Barrieren in Kita und Grundschule erkennen und abbauen

Thesen

  1. Einkommen und Vermögen sind im globalen und lokalen Kontext stark ungleich verteilt. Auch in Deutschland klafft die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinander. So gehören den reichsten 10% der Bevölkerung 60% des Vermögens, während fast 20% der Menschen in Deutschland in relativer Armut leben (vgl. Diekmann, 2018; Statista, o.A.). Da Vermögen in Form von Ersparnissen, Kapitalanlagen oder Immobilien wie auch Schulden vererbt werden, ist der soziale Status von Einzelnen stark von dem der Familie abhängig (vgl. Kemper & Weinbach, 2016, S. 129ff).
  2. Sozio-ökonomische Benachteiligung zeigt sich nicht nur in geringen finanziellen Ressourcen, sondern insgesamt in eingeschränkten Zugängen zu gesellschaftlichen Ressourcen wie Bildung, Arbeit, Wohnraum, Gesundheit, Einfluss etc.
  3. Die strukturelle Dimension von sozio-ökonomischer Ungleichheit wird durch die vorherrschende Ansicht verschleiert, sozioökonomische Statusunterschiede entfalten sich entlang der individuellen Leistung (Meritokratie): wer mehr leistet, hat zurecht einen höheren sozialen Status, wer wenig leistet, ist zurecht arm. Sprichwörter wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ unterstützen die Überzeugung, das Individuum sei für seine sozio-ökonomische Lage ausschließlich selbst verantwortlich. Diese hat hohe Wirkkraft, obwohl die Fakten und auch eigene Erfahrungen dagegensprechen.[1]
  4. Klassismus bezeichnet die Abwertung, Ausgrenzung und Herabwürdigung von Menschen auf Grund ihrer sozialen Herkunft. Wie andere diskriminierende Ideologien auch fungiert Klassismus als Rechtfertigung von Unterdrückung, indem sie den Benachteiligten selbst die Schuld für ihre Benachteiligung zuschreibt. Klassismus als diskriminierende Ideologie, die „höhere Klassen“ höher bewertet als „niedrigere Klassen“, wird von den Einzelnen verinnerlicht und zeigt sich als Internalisierung von Dominanz/ Überlegenheit wie auch als Internalisierung von sozialer Scham (vgl. Eribon 2016).
  5. Klassismus tritt häufig im Zusammenhang mit anderen Diskriminierungsformen z.B. mit Rassismus und Be_Hinderung auf. Eine intersektionale Betrachtung ist daher unerlässlich.[2]
  6. Die Ungleichheit der Vermögens- bzw. Einkommensverteilung spiegelt sich auch im Bildungssystem wieder. Klassismus hat einen erheblich negativen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern. Bildungsbiografien von Kindern sind zu einem hohen Maß von der Klasse der Herkunftsfamilie abhängig.[3] So beginnen nur 21 von 100 Kindern aus nicht akademischen Haushalten ein Studium, während 74 von 100 Kindern aus Akademiker*innen-Familien an die Universität gelangen (vgl. Kemper & Weinbach, 2016, S. 122ff.; Kleff 2017; Stifterverband Bildung Wissenschaft & Innovation 2017).
  7. Eine aktuelle Studie zeigt: Kinderarmut ist in Deutschland weit verbreitet. Lebt ein Kind erst einmal in armen Verhältnissen, bleibt es meist für längere Zeit arm. Laut dieser Studie leben 21% aller Kinder in Deutschland mindestens 5 Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. (Bertelsmann-Stiftung 2017)
  8. Klassismus und damit verbundene ungleiche Chancenverteilung beeinflussen bzw. verhindern – wie auch andere Macht- und Unterdrückungsverhältnisse – den Entwicklungsprozess junger Kinder (vgl. Derman-Sparks & Olsen 2010, S. 1). Auch junge Kinder nehmen bereits Botschaften über soziale Unterschiede und Ungleichheiten auf, internalisieren diese und ziehen daraus Schlüsse über sich selbst (ebd. 3ff).
  9. Das Thema Klassismus erfährt in Kita und Grundschule sowie gesamtgesellschaftlich zu wenig Aufmerksamkeit.[4] Auch wenn realistischerweise mit pädagogischen Mitteln die sozio-ökonomische Ungleichheit nicht bekämpft werden kann: Eine Thematisierung im Bildungsbereich und eine Reflexion der pädagogischen Praxis in Kita und Schule im Hinblick auf Klassismus kann zu einer Reduzierung von stigmatisierenden Zuschreibungen und diskriminierenden Mechanismen beitragen und damit die Bildungschancen von Kindern verbessern: „Class matters“.[5]

Soziale Herkunft/ Klassismus und Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung

Empfehlungen

  1. Pädagogische Fachkräfte reflektieren internalisierte Vorstellungen zum Thema Armut und klassistische Normen. Sie setzen sich im Team mit Klassismus auseinander und entwickeln ein Bewusstsein für klassistische Äußerungen, so dass sie im Falle einer Reproduktion klassistischer Zuschreibungen darüber sprechen können (vgl. Derman-Sparks/Olsen 2010, 101-111, Übersetzung in deutscher Sprache in der Tagungsmappe und auf www.kinderwelten.net).
  2. Eine einladende und gerechte Lernumgebung, in der sich alle Kinder wiederfinden, wohlfühlen und teilhaben können, spiegelt die Lebenswelten aller Kinder wieder. Es sind Kinderbücher vorhanden, in denen Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft starke Protagonist*innen sind.
  3. Soziale Herkunft soll keine Hürde beim Zugang zu Bildungs- und Lernmöglichkeiten darstellen. Indem pädagogische Fachkräfte in der Interaktion mit Kindern die Beiträge aller wertschätzen und anerkennen, stellen sie sicher, dass sich alle Kinder gesehen und wertgeschätzt fühlen.
  4. Aktivitäten, die an einen finanziellen Zuschuss der Eltern gekoppelt sind, stellen eine zusätzliche Barriere im Zugang zu Lerngelegenheiten dar und sind daher zu vermeiden.
  5. Vorurteile und paternalistisches Verhalten gegenüber Familien, die von Armut betroffen sind, können deren Teilhabe am pädagogischen Alltag behindern oder beeinträchtigen. Erleben Familien, dass ihren jeweiligen Familienkulturen und -konstellationen Respekt und Wertschätzung entgegengebracht wird, so ist wahrscheinlicher, dass sie sich zugehörig fühlen und aktiv beteiligen. Ihre Kinder sind in ihrer Ich- und Bezugsgruppen-Identität bestärkt, wenn sie sehen, dass ihre Familienmitglieder in die Kita oder Schule etwas Bedeutsames und Anerkanntes einbringen. 

Literatur

Bertelsmann-Stiftung (2017): Kinderarmut ist in Deutschland oft ein Dauerzustand. Verfügbar unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2017/oktober/kinderarmut-ist-in-deutschland-oft-ein-dauerzustand/, letzter Zugriff: 20.6.2018.

Eribon, Didier (2016): Rückkehr nach Reims. Berlin: Suhrkamp.

Derman-Sparks, L./Olsen Edwards, J. (2010): Anti-Bias Education for Young Children and Ourselves. NAEYC Books: Washington

Diekmann, Florian (2018): 45 Deutsche besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/vermoegen-45-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-deutsche-bevoelkerung-a-1189111.html, letzter Zugriff 20.6.2018.

Kemper, Andreas; Weinbach, Heike (2016): Klassismus. Eine Einführung. Münster: unrast-Verlag.

Kleff, Sanem (2017): Bildungserfolg und soziale Herkunft. In: Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage: Klassismus. Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft.

Statista (o.A.): Statistiken zur Armut in Deutschland. Verfügbar unter: https://de.statista.com/themen/120/armut-in-deutschland/, letzter Zugriff 20.6.2018.

Stifterverband Bildung, Wissenschaft & Innovation (2017): Hochschul-Bildungs-Report 2017/18. Höhere Chancen durch höhere Bildung? Verfügbar unter: https://www.stifterverband.org/pressemitteilungen/2017_11_20_hochschul-bildungs-report, letzter Zugriff 20.6.2018.

 

[1] z.B. im Phänomen „working poor“: Beschäftige im Niedriglohnsektor haben mehrere Anstellungen und leben dennoch an der monetären Armutsgrenze.

[2] Intersektionalität bedeutet mehr als das Zusammenzählen verschiedener Formen von Diskriminierungen, sondern beschreibt die individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen sowie die spezifischen individuellen Erfahrungen von Personen, die sich aus dem Zusammenwirken verschiedener Formen von Diskriminierung ergeben.

[3] Dabei spielt die durch klassistische Vorurteile beeinflusste Wahrnehmung und Bewertung der Kinder durch Erwachsene eine entscheidende Rolle.

[4]   Diskriminierung auf Grund der sozialen Herkunft ist nicht Gegenstand des AGG Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz und auch nicht der EU-Antidiskriminierungs-Richtlinien, auf die sich das AGG bezieht.

[5] „Soziale Klasse macht einen Unterschied“, nimmt Bezug auf die unterschiedlichen Erklärungen für Schulerfolg (school matters, teaching matters, family matters); auch Titel eines Buchs von Bell Hook (2000): Where we stand: Class matters; Blogeintrags zum Thema: http://clararosa.blogsport.de/

 

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